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Auf den zweiten Blick gut




Noch im letzten Jahr habe ich dieses Buch angefangen und ziemlich genau bis zur Hälfte gelesen. Von dem bis dahin Gelesenen war ich so wenig begeistert, dass ich sogar überlegt habe, es abzubrechen. Etwa einen Monat später hab ich mich dann doch an den Rest gemacht und es hat mir ziemlich gut gefallen. Woran das gelegen hat und worums in dem Buch geht erfahrt ihr jetzt:

Die Protagonistin Tiffy ist in ihren zwanzigern, lebt in London und arbeitet in einem Verlag, der sich DIY, Basteln und ähnlichem verschrieben hat. Nach der Trennung von ihrem Exfreund Justin, bei dem sie zu Beginn der Geschichte sogar noch wohnt, braucht sie eine neue Bleibe. Die Mietpreise in London sind jedoch, wie zu erwarten, sehr hoch und das Gehalt von Tiffy eher lausig. Auf ihrer Suche trifft sie auf das Angebot von Leon, dem zweiten Protagonisten sozusagen, der nachts als Pfleger in einem Hospiz arbeitet. Seine Freundin Kay ist zunächst nicht von der Idee begeistert, dass Tiffy die Wohnung nachts und Leon sie tagsüber bewohnt. Doch beide sind darauf angewiesen.

Meine Meinung: In der ersten Hälfte des Buches werden die Charaktere und die Gesamtsituation etabliert, während man in der zweiten meiner Meinung nach starke Weiterentwicklungen der Charaktere und den richtigen Umgang mit wichtigen Thematiken beobachten kann. Tiffy war für mich am Anfang ein quirliges, unsicheres Mädchen, das sich kampflos ihren schlechten Umständen ergibt. Direkt zu Beginn wird ihre Beziehung zu Justin, dem Exfreund, als toxisch beschrieben. Dennoch scheint sie ihm und der gemeinsamen Zeit hinterher zu träumen und gerät bei seinem Anblick komplett aus dem Konzept.
Auch Leon befindet sich in einer zweifelhaften Beziehung; mich hat es beispielsweise sehr aufgeregt, dass Kay ihm verbietet, Kontakt zu Tiffy zu haben. Ich denke nicht, dass Verbote Teil einer gesunden Beziehung sein sollten. Leon und Tiffy fangen dann an, sich gegenseitig Post-its zu mit kurzen Nachrichten und Essen in der Küche zu hinterlassen. Das fand ich schön, jedoch hat mich das nicht über meine Kritikpunkte der ersten Hälfte hinweg getröstet, sodass ich das Buch beiseite legte.
Wenn man Tiffys Kapitel liest, dann waren diese für mich immer mit einem Mangel an Bestimmtheit und somit einer gewissen Wehrlosigkeit verbunden, die zudem noch mit viel Humor unterlegt waren. Das hat mir in Anbetracht der Themen nicht gefallen. Tiffy ist in ihrem Job unterbezahlt und wird nicht wertgeschätzt, sie ist sich der psychischen Misshandlung durch ihren Exfreund nicht bewusst und läuft diesem teilweise sogar noch hinterher. Ich lese gern humorvolle Bücher, so ist es nicht, jedoch muss dieser auch mal Pausen haben und wichtige Dinge nicht permanent beiseite geschoben werden.
Leon hat ebenso ein Problem damit, sich mit seiner Realität auseinandeerzusetzen und für sich selber einzustehen. Er ist in der ersten Hälfte ein überwiegend passiver Charakter, der mir jedoch aufgrund seiner Arbeit und seiner Moralvorstellungen durchaus sympathisch war. Gerne hätte ich ihn an der ein oder anderen Stelle wachgerüttelt.
Die zweite Hälfte des Buches hat mir wiederum sehr gut gefallen. Sowohl Tiffy als auch Leon machen eine Entwicklung durch. Mir gefiel auch, dass es hier eben auch beide Seiten sind, die sich verändern (müssen) und nicht nur eine. Die Punkte, die zuvor als gegeben angenommen wurden (wie etwa Tiffys Situation am Arbeitsplatz oder Leons Mutlosigkeit) werden allesamt addressiert. Auch den Umgang mit psychischen Problemen fand ich gelungen. Tiffys Freunde, besonders Mo und Gerty, sind ein großer Rückhalt für sie und die offenen und aufbauenden Gespräche zwischen den Figuren waren für mich sehr gelungen. Die zweite Hälfte war außerdem auch spannend, lustig und sehr schön zu lesen.


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